Tagebuch meines Pilgerwegs nach Santiago de Compostela
vom 14.04. - 18.05.2007

An dieser Stelle danke
ich zunächst meiner lieben Familie, meinen Freunden und Kollegen,
die mir diesen Schritt ermöglicht hat. Schön, dass es Euch gibt!
Ich danke auch meinen Wegbegleitern:
Marie (Mont Saint
Michelle), Yvan (Schweiz), Chantal (Toulouse), Jan & Andreas (Dessau), Siggi
(Wien),
Giuseppe (Italien), Reiner (Bonn), Richard (Bristol), Jethro (Australien), Juan
& Gabriel (Spanien),
Hildegard, Renate & Brigitte (Mönchengladbach), Gerhard (Schweden), José
(Madrid),
Patsy & Ann (Irland), Edith (Stuttgart), Michaela (Tschechische Republik), Wolf
(Seattle),
Karen (Dänemark) und Nene (Brasilien),
die mir auf meinem Weg weitergeholfen haben.
Inhaltsverzeichnis
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... bereit zum Aufbruch sein ... Da leiht mir mein Schwager das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling, das er zum Geburtstag geschenkt bekommen hat.
Dieses Buch hat mich inspiriert und ein Feuer in mir entfacht, Mein Wunsch ist es, die Angst vor meinem eigenen Tod zu bewältigen, die alltäglichen Selbstverständlichkeiten wieder schätzen zu lernen und zu mir selbst zurück zu finden. Sorgfältig habe ich alles vorbereitet:
zahlreiche Listen über Ausrüstung und geplante Etappen erstellt
Bei den geplanten Etappen habe ich mich im Wesentlichen Im
Vergleich zu anderen hat sich dieser Wanderführer, insbesondere was die Zeit-,
Entfernungs- und Höhenangaben angeht, als der für mich praktikabelste erwiesen. |
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Nach sehnlichem Warten, mit gemischten Gefühlen und Geduld ist es so weit. Heute Abend geht es los und meine geliebte Familie wird mich zum Bahnhof bringen. Unsere Freunde Wolfgang und Uschi haben sich von mir verabschiedet und mir dieses Tagebuch geschenkt. Ich wünsche mir, dass ich in diesem Buch schöne Dinge und Erkenntnisse notieren kann. Gestern auf dem Nachhauseweg steht auf einem Gehweg gesprayt "Vaya Con Dios". Danke! |
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Nachdem ich in Saint-Jean-Pied-de-Port (163 m) den ersten Stempel in meinem Pilgerausweis und eine Jakobsmuschel bekommen habe, ging es sofort los. Dort hatte man mir aufgrund der schlechten Wetterbedingungen geraten, den Weg über Valcarlos zu nehmen. Irgendwie habe ich jedoch den Abzweig verpasst und bin dann doch bis Auberge Orrison (650 m) gegangen, und das war's für heute.
Ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein. |
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Montag,
16.04.2007 (3. Tag) |
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Nach dem Frühstück ging es um 08.00 Uhr los. Nach unendlichen zweieinhalb Stunden bergauf wurden die Wetterbedingungen immer schlechter. Es gab nur noch Schnee und Nebel, und das bei etwas über 0 Grad. Es war irgendwie schön, allein zu sein. Manchmal war mir die Sache schon etwas unheimlich, weil ich zeitweise keine Wegmarkierungen mehr gesehen habe. Nach jeder Kurve dachte ich, das muss doch jetzt die Spitze sein, war es aber nicht, und dann war's geschafft, die höchste Stelle (Col de Lepoeder 1430 m) hatte ich überwunden und erreichte den ersten Kilometerstein. Weiter durch Schnee und Nebel aber bergab, und jetzt kommt's: das war zunächst schwerer als bergauf. Und dann kam die Belohnung: aus Schnee und Nebel dieser wunderschöne Blick auf das sonnenbeschienene Roncesvalles. So, Pause, erstmal eine rauchen. Nach etwa 10 Minuten funktionierte dann auch endlich das feucht gewordene Feuerzeug, und jetzt war die Zigarette feucht. In Roncesvalles bin ich dann gegen 13.15 Uhr angekommen. Nee, für heute reicht's. Erstmal in die schöne Kirche, Rucksack abgelegt und einige Minuten Besinnung genossen. Wow, der Kopf war einfach nur leer, nichts, was getan werden muss. Aber an meine Liebsten denke ich doch. Ich fühle mich ein wenig schlecht, sie zurückgelassen zu haben, aber auch ich habe ein Recht darauf, meinen Wünschen nachzugehen. Nach der Kirche zum Pilgerbüro, Stempel abgeholt und für € 5 einen tollen Schlafplatz in einem Schlafsaal für ungefähr 100 Personen ergattert.
Die
Pilgerherberge war ganz ok, und in der Kneipe nebenan gab es ein Pilgermenü für
€ 8 (drei Gänge, Rotwein inklusive). |
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Dienstag,
17.04.2007 (4. Tag) |
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Um 06.00 Uhr wurde ich von leisem "Hallelujah-Gesang" geweckt. Na ja, ich hatte die halbe Nacht sowieso nicht geschlafen. Wie soll man auch in einem Schlafsaal mit etwa 100 Personen, von denen wahrscheinlich die Hälfte schnarcht. Schnell gewaschen, gepackt und um 06.15 Uhr ging's los. Ich allein im Dunkeln, aber es war einfach herrlich, den Sonnenaufgang und das Erwachen der Natur erleben zu dürfen. Gegen Mittag bin ich über drei Stunden durch Matsch und Geröll gelaufen. Meine Superschuhe haben zumindest hier ihre Bewährungsprobe bestanden. Die habe ich erstmal im Rio Arga abgewaschen und dort auch meine Füße gekühlt, denn die waren heiß gelaufen. Ach, was ist das denn? Zwei Blasen habe ich auch. Gerechterweise an jedem Fuß eine. Zubiri hat mir nicht so gut gefallen. Also denke ich, lauf' noch die zwei Stunden bis Larrasoaña. Gut, da war ich dann gegen 15.00 Uhr. Dort habe ich mich in der Pilgerherberge angemeldet. Ich weiß nicht, bin ich eigentlich bescheuert? Wieder mal 30 Personen auf einem kleinen Zimmer. Schnell geduscht. Immerhin gab es zwei davon. Meine Sachen ausgewaschen, "mein" Bett "erkämpft" und dann durchs Dorf gelaufen. Warum? Na ja, ich suchte ein Restaurant für ein leckeres Pilgermenü, und jetzt zum Ausgangspunkt zurück: Wo bin ich denn heute gelandet? Es
gibt hier nämlich kein Restaurant. Waaaaassss? Und dafür gibt es auch kein
Geschäft hier, nur nervende Pilger. Aber im Pilgerbüro - zum Glück hatte das bis
19.00 Uhr auf - bekam ich verpackte Toastscheiben, ein Glas Leberwurst und - wow
- eine Flasche Rotwein. Na ja, hab ich heute halt viel gespart und sauf mir
einen an. Heute habe ich die Schnauze gestrichen voll. Die Schultern und mein
rechtes Knie tun weh und meine Füße brennen wie Feuer. Hoffentlich kann ich bei
dem Palaver und diesen Klugschwätzern schlafen. Saufen, schlafen und bloß früh
weg, das ist mein heutiges Motto. Hoffentlich kommt kein anderer auf die gleiche
Idee. |
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Mittwoch,
18.04.2007 (5. Tag) |
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Heute Abend schlafe ich auf jeden Fall in einer Pension. Aber am Abend wird sich zeigen, dass ein Einzelzimmer seinen Preis haben wird. Ja, das wird mich dann € 45 kosten, weil es nämlich keine Einzelzimmer gibt, ohne Abendessen und ohne Frühstück. Ich meckere und bekomme als Antwort, dass ich auch in einem Gemeinschaftszimmer mit 20 Betten für € 10 schlafen könne. Nein danke, und weil ich heute 32 km gelaufen bin, gönne ich mir auch ein Abendessen für € 12 (Salat, Lammhaxe, Fritten und Wein ohne Ende). Also, um 05.45 Uhr war die Nacht vorbei. Ich, rücksichtsvoll wie ich bin, meine Klamotten genommen, draußen meinen Rucksack gepackt und los ging's. Wow, das ist so was von cool, im Morgengrauen loszugehen, wenn alles andere noch schläft. Anfangs geht's mit Taschenlampe, um den Einstieg des Weges zu finden, aber mein Auge hat sich schnell an die Dunkelheit gewöhnt. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht auf die Frösche trete, die dauernd meinen Weg kreuzen. Gegen 08.00 Uhr mache ich meine erste Pause. Ich lese die SMS-Nachricht, die Uli mir geschickt hat: "Hi Micky, viel Kraft, Energie, Spass und spirituelle Erfahrung wünsche ich dir auf diesem Weg!" Diese Nachricht und das bisher Erlebte hat mich zu Tränen gerührt. Für die Durchquerung von Pamplona (Hauptstadt der Region Navarra) habe ich 1:15 Stunden gebraucht. Mein Tagesziel war eigentlich Cizur Menor. Da war ich dann gegen 12.30 Uhr. Und was jetzt? Zum Hierbleiben gefällt es mir nicht, aber bis Uterga sind es weitere 3:30 Stunden, und zwischendurch gibt es keine Schlafmöglichkeit. Außerdem sind immerhin wieder 255 Höhenmeter zu überwinden. Und bergab geht es eine Stunde über Geröll. Ich riskiere es, kühle meine Füße und wechsele die Socken. Weiter geht's über den Alto del Perdón (735 m), eine nicht enden wollende Steigung. Ich laufe durch die pralle Sonne, und es scheint weit und breit keinen Schatten zu geben, und den wünsche ich mir jetzt. Fünf Minuten später mitten in der Einöde: ein Baum mit Bank und Schatten und auf der Bank daneben eine Frau aus Deutschland mit ihrem 15-jährigen kleinen Hund. Beide machten einen glücklichen Eindruck. Da man Hunde nicht mit in die Pilgerherberge nehmen darf, hat sie sich in Deutschland eine Excel-Tabelle erstellt mit allen Hotels und Pensionen, in denen Hunde erlaubt sind. Ich hoffe, der Hund überlebt diesen weiten Weg. Auf dem Hügel vorbei an Windrädern und Metallskulpturen, und dann ein kurzer aber heftiger Abstieg. Um 17.00 Uhr bin ich
in Uterga, der günstigen Pension. Dort treffe ich auch die nette ältere
Französin Marie aus Mont Saint Michelle. Gute Nacht! Ach ja, in meinem teuren
Doppelzimmer habe ich auch nicht geschlafen, weil meine Füße und Beine sich
nicht beruhigen wollten. Aber zumindest konnte ich bis 07.30 Uhr mit allem Komfort
im Bett liegen bleiben. |
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Donnerstag,
19.04.2007 (6. Tag) |
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Weiter ging's über Mañeru und Cirauqui bis Lorca. In der Pilgerherberge "La Bodega del Camino" konnte ich mir als erster ein Bett aussuchen. Diesmal gab es im Zimmer nur sechs Etagenbetten und die Pilgerherberge war sehr schön. Ach übrigens: den heutigen
Tag habe ich unserem Freund Klaus gewidmet, und er war sehr hart! |
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Freitag,
20.04.2007 (7. Tag) |
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Um 05.45 Uhr bin ich aufgestanden. Um 06.15 Uhr sollte es losgehen. Ich raus und stelle fest, dass ich meinen Pilgerstab vergessen habe. Natürlich hatte ich die Tür zugezogen. Sorry ihr Pilger, dass ich euch geweckt habe, aber der Stab war mir wichtiger - ich weiß, ich bin egoistisch. Nach zwei Stunden habe ich zum ersten Mal im Ort Estella/Lizarra losgelassen. Dort habe ich nämlich 3 kg Gepäck (Vliesjacke, Schuhe, Hose, T-Shirt und Reiseführer) postlagernd nach Santiago aufgegeben. Weiter über Irache, Azqueta nach
Villamayor de Monjardin, dann 2:45 Stunden durch Wiesen, Felder und Weinberge
ohne Schatten. Nach 1:30 Stunden sehnte ich mich nach einem Schattenplatz.
Schwups, zehn Minuten später war er da. Dort habe ich unter einem Baum eine
schöne Siesta gemacht. Gegen 16:30 Uhr bin ich in Los Arcos angekommen, weiter
ging's nicht mehr. Angeblich sollte die Albergue de la Fuente (Casa de Austria)
eine sehr gute Herberge sein - na ja ... Geschmacksache. |
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Samstag,
21.04.2007 (8. Tag) |
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Nachdem ich Sansol, Torres del Rio und Virgen del Poyo hinter mir gelassen habe, mache ich meine erste Pause in Viana. Dort habe ich Jan und Andreas aus Dessau getroffen. Wir hatten uns einen Tag vorher bereits nett in Lorca unterhalten, sehr angenehme Zeitgenossen, gute Einstellung, einfach nett. Jan hätte ich gerne näher kennengelernt. Die Beiden haben mir erstmal den Rucksack richtig eingestellt. Den Rest des Tages haben wir gemeinsam verbracht, ich habe dabei Zeit und Entfernung vergessen. In Logroño hat Andreas eine Flasche Wein spendiert. Danach hatten wir eigentlich alle keine Lust mehr weiterzulaufen. Im Parque la Grajera haben wir im Gras gelegen und keiner hatte Lust zum Fotografieren. Um 19:00 Uhr erreichen wir Navarrete, aber die Pilgerherberge ist voll. Andreas und Jan bestellen sich ein Taxi und fahren nach Ventosa, weil ihnen dort eine schöne Pilgerherberge empfohlen wurde. Ich sage zu ihnen, dass es mir leid tut, ich das aber nicht machen kann, und bis Ventosa weiterlaufen geht auch nicht mehr. Wir haben uns verabschiedet und uns für den schönen Tag bedankt. Leider habe ich beide nicht mehr wieder getroffen - loslassen! Danach bin ich zurück zur Pilgerherberge, weil ich dachte, vielleicht bekommt einer noch leichter ein Bett als drei, aber nichts zu machen. Zwei sehr nette Pilger aus Barcelona, Juan und Gabriel, sind sehr hilfsbereit und besorgen mir eine sehr saubere Ausweichunterkunft etwas außerhalb für € 10. Um 20:30 Uhr bin ich fertig mit Auspacken, Duschen, Waschen und der Welt. Ich finde ganz in der Nähe ein nettes Restaurant, wo es für € 8,50 ein Pilgermenü gibt (Salat, Rindergulasch, Schafskäse und Bier). Plötzlich kommen Ivan und Chantal herein. Wir hatten uns seit ein paar Tagen schon immer wieder mal getroffen. Schade, dass
mein Französisch nicht ausreicht. Und wieder loslassen, gute Nacht und ...
tschüss. |
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Sonntag,
22.04.2007 (9. Tag) |
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Um 14.45 Uhr sitze ich in einer spanischen Kneipe in Azofra und trinke ein großes Alster. Hombre, ist das ein Geschrei hier bei den Einheimischen. Alles schreit und palavert. Gestern habe ich mich ein wenig übernommen. Immerhin liegen die Temperaturen seit Tagen bei über 27 Grad. Die gestrige Unterkunft war ok. Von allen Betten waren nur drei Schlafplätze belegt, also sehr ruhig. So viele Menschen, die mir begegnen, wünschen "Buen Camino" und winken. Auch die Natur wird von Tag zu Tag lauter und intensiver. Die Idee mit dem Weg war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, zumindest bis jetzt. Nun ist eine Woche rum und die ersten 200 km sind geschafft. Nachdem ich Navarrete verlassen habe, erreiche ich das berühmte Tal der Steinmännchen. Hier baut jeder Pilger aus den Findlingen ein Steinmännchen, und jedes hat seinen Sinn. Ich genieße ganz einfach den Anblick. An jedem Tag gewinne ich ein Stück von der Natur zurück, das in den letzten Jahren verloren gegangen schien. Gestern habe ich die Region Navarra im Baskenland verlassen und nun befinde ich mich in der Region La Rioja. In der Pilgerherberge "La Fuente", Betreiber ist Roland aus Aachen, habe ich einen Schlafplatz bekommen. Ich teile das Zimmer mit drei älteren Damen, Renate, Brigitte und Hildegard aus Mönchengladbach. Hildegard wollte gleich meine Emailadresse haben. Ich habe darauf verzichtet. Auch die beiden vielgeschwätzigen Österreicherinnen, die mir immer und immer wieder begegnen, werde ich nicht mehr quitt. Ich kann soviel laufen, wie ich will, wo ich übernachte, sind sie auch. Was soll es bedeuten? Egal! Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass Respekt und Toleranz meine Devisen sind. Christian aus Deutschland, der in ihrer Begleitung ist, ist ein ganz netter. Ihn treffe ich auch später in Santiago wieder. Für den Rest des Tages ist Relaxen angesagt. Ach nee, da war ja noch was: Fisch und Micha haben mich angerufen, und mir gesagt, dass sie "meinen" Gesuchten festgenommen haben. Komisch, eigentlich hat es mich kaum interessiert. Momentan ist für mich viel wichtiger, wie sich die Liebe von mir und meinem Schatz weiter entwickeln wird. Und wo ich so an meinen Schatz denke, geht mir das Lied Ich schnitt es gern in alle Rinden ein oder Ungeduld von Wilhelm Müller, vertont von Franz Schubert, nicht mehr aus dem Kopf. |
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Montag,
23.04.2007 (10. Tag) |
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Nach einem gemeinsamen Frühstück in der Pilgerherberge "La Fuente" ging es um 06.45 Uhr los. Ich habe noch einige Kilometer einen Sonnenhut mitgeschleppt, den ein anderer Pilger in der Herberge vergessen hatte. Die Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada hat mir sehr gut gefallen. In der Kirche wird ein Paar weißer Hühner gehalten zur Erinnerung an das Wunder von Santo Domingo. Eine unfreundliche Dame kassiert € 2 Eintritt, und obwohl ich mich dreimal übertrieben freundlich für das Wechselgeld bedanke, hat sie es nicht kapiert. Für mich war der Besuch der Kathedrale ein weiterer Ort der Einkehr. Diese Einkehr habe ich auf dem Camino aber viel intensiver erlebt. Im gleichen Ort habe ich mich erstmal mit Blasenpflaster und Blättchen für meinen Tabak versorgt. Nach einer "Brotzeit" ging es weiter. Roland hat in Redecilla del Camino eine Pilgerherberge empfohlen, aber mitten durch den Ort verlief die Landstraße, nein danke! Eine sehr schöne Pilgerherberge habe ich in Villamayor del Rio angetroffen, obwohl auch hier die Landstraße durch den Ort - aber kaum hörbar - verlief. Vater organisierte und Mutter kochte. Ich habe mit Chantal und Ivan zusammen gegessen und gequatscht. Ja, ich auf Französisch - eine andere Sprache konnten beide nicht - und beide meinten, mein Französisch sei gar nicht so schlecht. Abends wurde es sehr kalt, also früh ins Bett, aber niemand zum Kuscheln - nur Schnarcher. Ich würde gerne einen
Tag an einem Ort verbringen, in dem es ein Freibad gibt! |
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Dienstag,
24.04.2007 (11. Tag) |
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Morgens war es dann noch kälter. Ich zuerst los mit Jacke, die hatte ich bisher nicht gebraucht. Ich befinde mich jetzt in der autonomen Region Castilla y León. Der Weg verlief zeitweise gefährlich nah an der Landstraße, die echt nervt. Manchmal hupen Lkw-Fahrer, aus welchem Grund, weiß ich nicht. Wünschen sie mir "Buen Camino" oder nerve ich als Pilger auf der Landstraße? Es war zwar sehr schön, nach Tagen durch Wiesen und Felder, jetzt durch Wälder zu wandern, aber Hombre, war ich scheiße drauf. Die Kraft, die ich dann bekam, war totale Gnade. Es ging 12 km bzw. 3:15 Stunden auf 1162 m Richtung San Juan de Ortega. Ich habe gezweifelt und geweint über den heutigen nicht enden wollenden Weg. Da tauchte plötzlich aus dem Nichts diese Staubwolke auf, so wie ein kleiner Wirbelsturm, aber sie erfüllt mich irgendwie mit einem Kribbeln. Es war einfach wunderbar, auf einmal diese Gnade, Kraft und diesen Mut zu spüren. Vollkommen aufgewühlt erreiche ich gegen 15.00 Uhr San Juan de Ortega. Ich gehe in die dortige kleine Kirche und habe das Bedürfnis, mich vor dem Altar auf den Bauch zu legen und zu danken, was ich auch tue. Wow, jetzt geht's mir besser. Der Kirchenboden kühlt meine innere Hitze und Aufgewühltheit schnell ab. Danke, ihr Mächte des Universums! Danke, Göttlicher Vater! Glücklich und zufrieden endet mein Tag um 16.30 Uhr in der sehr schönen und freundlichen Pilgerherberge "El Pajar" in Agés bei einem leckeren Rotwein! In der Pilgerherberge "El Pajar" arbeitete Beatriz, ein junges Mädchen aus Argentinien, so um die Ende 20. Sie war herzensgut und um mein Wohlergehen bemüht: Miguel hier und Miguel da. Essen war sehr gut: Salat, Paella und Nachtisch ... und wieder Wein ... diesmal der etwas herbere Rioja und nicht mehr der liebliche Navarra. Manchmal nerven andere Pilger, die mir ein Gespräch aufzwingen wollen, aber das sehe ich mittlerweile gelassener. Ich mache es nicht zu meinem Problem. Überall auf den Kirchtürmen nisten die Störche ... und überall diese wundervollen Lebewesen ... die Schwalben. Ich fühle mich von meiner Familie über alles geliebt, und irgendwie ist dieser Weg auch ein Weg zurück nach Hause. Ich stelle gerade
fest, dass ich das erste Drittel geschafft habe. I am sure I will make it to
Santiago de Compostela and even more to Finisterre, thank you! |
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Gegen 13.00 Uhr komme ich in Burgos an. Kurz vor der Catedral de Santa Maria spricht mich ein älterer Herr an und will mir den Weg zur Pilgerherberge "El Parral" erklären. Ich sage "muchas gracias senor" und erkläre, dass eine Pilgerherberge heute für mich nicht in Frage kommt, vielleicht ein Hostal. Er empfiehlt mir das "Hotel España", gleich in der Nähe der Kathedrale. Ich gleich hin und bekomme in diesem alten Hotel für € 35 ein schönes, sauberes Einzelzimmer ohne Frühstück. Danke für Deine Kraft, Deine Gnade, Deinen Mut und die grenzenlose Liebe meiner Familie. Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, mache ich einen Stadtrundgang. Langsam gehe ich zum Hotel zurück, um mich etwas auszuruhen und frisch zu machen. Als ich auf der Paseo Del Espolon auf dem Weg zum Hotel bin, höre ich plötzlich laut "Mike" rufen. Ja, da sitzen sie, Renate und Brigitte aus Mönchengladbach. Auch anderen bin ich in Burgos wiederbegegnet. Nun sitze ich im Hotel España, schreibe die ersten Karten und mein Tagebuch, und bin ganz glücklich. Gegen 17.00 Uhr stelle ich fest, dass es zum ersten Mal regnet. Gute Entscheidung für den Zwischenstopp in Burgos. Ich hoffe auf Morgen. Jetzt noch mehr, da der Tag nämlich als Tag des Beschisses endet. Nachdem ich Einkaufen
war und nach einer Cervezeria suche, finde ich ein kleines Lokal in der Nähe der
Kathedrale. Vor 21.00 Uhr sucht man nämlich vergeblich nach einem Esslokal. Dort
bezahle ich für einen kleinen "Tapas-Teller", Brot und zwei Bier sage und
schreibe € 18. Dafür war der Morcilla, eine mit Reis, Zwiebeln und Pfeffer
verfeinerte gebratene Blutwurst sehr lecker. |
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Donnerstag,
26.04.2007 (13. Tag) |
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Es schien unendlich lange, bis ich Burgos endlich verlassen hatte. Über Villavilla de Burgos ging es zunächst nach Tardajos. Hombre, zog sich der Weg. Dann ging es die nächsten Stunden über Rabé de las Calzadas, Hornillos del Camino und Arroyo San Bol durch Matsch, Schlamm und Geröll bis Hontanas. Dann ging nichts mehr. Alles nass und schmutzig. In der Pilgerherberge "El Puntido" raus aus den Klamotten und geduscht. Meine Sachen konnte ich nicht waschen, weil vor mir zu viele da waren um zu waschen. Also warten, Sachen trocknen lassen und Morgen mit schmutzigen aber trockenen Klamotten weiter. Leider habe ich mich davon abschrecken lassen, dass es laut Wanderführer in der Pilgerherberge Arroyo de San Bol, einsam in einer Senke gelegen, keinen Strom und keine sanitären Anlagen gibt, denn sie sah von Weitem eigentlich ganz schnuckelig aus. Später habe ich dann von einer älteren Pilgerin erfahren, dass es eine der einfachsten, aber auch interessantesten und schönsten Pilgerherbergen auf dem Camino war. Sie hatte allerdings den Eindruck, dort seien alle bekifft gewesen. Ich bin weiter zur Pilgerherberge El Puntido in Hontanas gelatscht. Dort habe ich Siggi aus Wien kennengelernt, der seit Ende Februar unterwegs ist. Im Verlauf unseres kurzen Gesprächs fragt mich Siggi, wie ich es denn mit meiner Intimsphäre halten würde. Zunächst habe ich ihn nicht verstanden oder seine Frage auch falsch interpretiert, dann habe ich gesagt, dass ich nach dem Tag viel zu kaputt sei, um mir darüber Gedanken zu machen. Ich muss noch so viel
lernen! Ja soviel ... und Morgen ist ein neuer Tag! |
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Freitag,
27.04.2007 (14. Tag) |
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Gestern abend habe ich mit den Gladbacher Mädels noch ein paar Bier bzw. Wein getrunken, und war um 22.00 Uhr im Bett. Heute um 07.00 Uhr raus aus dem Schlafsack und eine halbe Stunde später ging's los. Es hatte die ganze Nacht geregnet, aber als ich die Herberge verließ, hörte es auf. Die 2:15 Stunden durch Matsch wollte ich mir nicht antun, also ging es mit "Oh what a beautiful morning" erstmal über Asphalt über San Antón bis Castrojeriz. Es wehte ein eiskalter Wind, als ich dort ankomme. Verzweifelt suche ich die erste Bar (spanische Bezeichnung für ein Café), um mich zu "erleichtern". Schwups, schon ist eine da und ich sofort aufs Klo, nachdem ich mir einen Milchkaffee bestellt hatte. In der Bar lief klassische Musik. Als dann das Air von Bach lief, stieg ein Kribbeln in mir hoch und meine Augen füllten sich mit Tränen, aber nicht vor Traurigkeit, sondern weil ich einfach nur gerührt war. Der Hund des Hauses - ein einjähriger Mischlingsrüde mit dem Namen "Dali" kam auf mich zu und schmiegte sich an mein Bein. Er wich mir nicht mehr von der Seite. Die Dame des Hauses sagt mir, dass "Dali" Pilger lieben und sie immer ein Stück des Weges begleiten würde. Das tat er später auch für etwa eine halbe Stunde, dann war er verschwunden. In der Bar bot man mir ein Stück selbstgebackenen Kuchen an, aber das Stück war mir zu groß. Also schnitt man ein Stück davon ab und ich bekam es als "Geschenk des Hauses". Danach wurde es anstrengend und es ging auf den Tafelberg Alto de Mostelares (911 m), und das dann auch bei Regen, aber es war einfach nur wunderschön. In dieser grenzenlosen Weite gerät das Zeitgefühl vollkommen durcheinander, und da ich keine Uhr mithabe ... Nach etwa 2:45 Stunden erreiche ich den Ort Itero de la Vega und mache eine Pause. Der Ort war schon längere Zeit in Sichtweite, er schien aber einfach nicht näher zu kommen. Ich hatte das Gefühl, 5 Stunden gelaufen zu sein. Da ich schon wieder einen starken Darmdruck verspürte, meine Klamotten voller Matsch und Schlamm schon seit zwei Tagen trug und ich es einfach satt war, suchte ich schon eine Übernachtungsmöglichkeit, aber es war erst 13.30 Uhr. Nachdem ich mich erleichtert hatte, habe ich entschieden weiter zu gehen, und das war gut so. Die endlose Weite des Himmels hat mich begeistert. Nach einer Zigarettenpause ging's weiter und gegen 16.00 Uhr erreiche ich die Pilgerherberge "Albuerge En el Camino" in Boadillo del Camino. Ich wurde belohnt,
weil es einfach eine der schönsten Pilgerherbergen war, die ich bislang in den
14 Tagen kennenlernte. Es ist eine private Pilgerherberge, aber sehr freundliche
Menschen, und dort wurde auch meine Wäsche gewaschen. Jetzt sehe ich auch andere
neue Leute, obwohl ich keinen großen Wert auf irgendwelche "schlauen" Gespräche
lege. |
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Samstag,
28.04.2007 (15. Tag) |
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Nach einem tollen Abend und super Essen in der Pilgerherberge, ich habe mich tatsächlich mit der Familie der Herberge auf Spanisch unterhalten, wache ich heute morgen mit starken Schmerzen im linken Schienbein auf. Wie soll es nun weitergehen? Es scheint eine Muskel- oder Sehnengeschichte zu sein. Ich weiß es nicht. Ich habe mich die 25,5 km von Boadillo del Camino nach Carrion de los Condes gequält. Während der ganzen heutigen Etappe habe ich mich gefragt, ob ich abbrechen soll. Eine schwere, ja die schwerste bisherige Krise auf dem Weg. Aber Krise heißt ja Gefahr und Chance. Tja, und dann meine Ungeduld. Ich mache mir Sorgen, wie es jetzt weitergehen soll, da die schwierigsten Etappen eigentlich jetzt erst beginnen, d.h. 12 bis 20 km bzw. 3 bis 5 Stunden ohne eine Ortschaft, und Morgen wären es 13 km bzw. 3:30 Stunden ohne einen Ort, ohne Unterkunft, ohne Einkehrmöglichkeit. Dabei hätte ich Morgen die Hälfte geschafft und die heutige Etappe war trotz allem superschön. Von Boadillo del Camino verlief der Weg parallel zum Rio Ucieza, vorbei an Frómista, Población de Campos, Revenga de Campos, Villarmentero de Campos, bis Villovieco. Die letzten 12 km waren einfach nur noch Quälerei parallel zur Landstraße bis nach Carrión de los Condes. Zudem ist die Pilgerherberge Santa Maria del Camino auch ein bisschen schmuddelig und überall hängen Verbotsschilder: hier nicht den Pilgerstab abstellen, dort nicht den Rucksack ablegen usw. Die Wände scheinen schier mit Verbotsschildern tapeziert worden zu sein. Das war mir bisher noch nirgendwo aufgefallen. Ich bezahle eine Zwangsspende in Höhe von € 5 und darf mir noch eins der wenigen freien Betten aussuchen. Dann habe ich erstmal meine Schwester angerufen und mich "ausgeweint". Sie hat mich getröstet, mich "aufgebaut" und mir neuen Mut gegeben. Um 18.00 Uhr war ich dann zur Pilgersprechstunde beim örtlichen ärztlichen Notdienst. Der Arzt ist sehr nett und erklärt mir auf Französisch, dass dies eine Art Sehnenscheidenentzündung sei. Er schimpft auch über meine an Anzahl zugenommenen Blasen. Ich sage ihm, die seien nicht schlimm und frage mit wahrscheinlich bebender Stimme, ob der Weg für mich zu Ende sei. Er sagt "Non", ich soll es nur langsamer angehen. Mein Schienbein wird bandagiert und er gibt mir Schmerztabletten für drei Tage mit. Er meint, dass es bald besser sein müsse. Ich solle mich aber schonen und vielleicht auch eine Pause einlegen. So, und jetzt geht's mir wieder besser. Jetzt freue ich mich wieder auf Morgen und verstehe, dass auch absolute Tiefpunkte auf diesem Weg erforderlich sind. Leider habe ich den Hinweis mit der Pause zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht verstanden. Dafür gab's aber auch noch zwei positive Erlebnisse: Die Arzthelferin meint, die Behandlung würde € 25 kosten, weil ich keine Krankenversichertenkarte habe. Daraufhin sagt der Arzt "nein", von einem Pilger nehme er kein Geld und wünscht mir einen guten Weg. In der lauten Bar, in der ich gerade sitze und schreibe, prosten mir dauernd ein paar "Jungs" mit den Worten "He peregrino ... cheers" zu. Es ist das erste Mal, dass ich ein paar nette "Jungs" sehe, oder nehme ich sie jetzt erst wahr? Der Rest für heute ist
Leere ... |
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Sonntag,
29.04.2007 (16. Tag) |
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Mein heutiges Etappenziel war eigentlich Terradillos de los Templarios. Von Carrión de los Condes ging es vorbei am Monasteiro de San Zoilo. Dann begann die alte Römerstraße "Via Aquitana", die sich schnurgerade durch die fast baumlose, mit Getreidefeldern kultivierte Ebene zieht. Wunderschönes, flaches Gebiet, aber auf einer Strecke von 18 km gibt es keine Einkehrmöglichkeit. Mehr als die 18 km habe ich heute auch nicht geschafft. Der Weg wurde für mich immer beschwerlicher, und zuletzt zur Tortur. Ich war froh, als ich nach 6 Stunden mit meinem Pilgerstab, der mittlerweile als "Krückstock" diente, die Pilgerherberge "Camino Real" erreichte. Tja, nun wünschte ich mir schon seit einigen Tagen, einen Tag an einem Ort verbringen zu können, in dem es ein Freibad gibt, aber "koalt is woard'n", und so kann ich den hier befindlichen schönen Pool nicht nutzen, zumindest nicht zum Schwimmen. "Wenn mir mit meinem
Fuß nur jemand helfen könnte", habe ich gedacht. So, und von jetzt an
muss ich mit meinen Wünschen aufpassen, Bei meiner Ankunft spricht mich der Hospitalero (Verantwortlicher der Pilgerherberge) an und stellt mit einem Blick fest, dass ich in meinem linken Fuß eine Sehnenscheidenentzündung habe. "Zufällig" ist er auch noch Physiotherapeut. Nene, so heißt der braungebrannte Brasilianer, kommt aus Salvador da Bahia, und sagt, dass ich zwei Tage hierbleiben müsse, ansonsten sei der Weg für mich zu Ende. Ok, sehe ich ein. Ich bekomme ein separates Bett in der zweiten Etage. In diesem Pilgersaal von 16 Etagenbetten bin ich ganz allein, während in der ersten Etage alles voll belegt ist. Einige Pilger schauen mich skeptisch an, als ich von oben runterkomme. Sie tuscheln und sind verwundert über die Sonderbehandlung. Danach schließt Nene ein Impulsgerät an meinen Fuss. Der Knöchel war mittlerweile stark angeschwollen. Danach 30 Minuten die Füße in den eiskalten Pool und anschließend eine Fußmassage. Nene meint, um 22.00 Uhr würden wir die gleiche Prozedur noch einmal durchziehen. Von Geld will er nichts wissen. Um 17.00 Uhr mache ich mich auf den Weg zum einzigen Restaurant im Dorf, das natürlich "Camino Real" heißt, um dort mein Tagebuch zu schreiben, und um 19.00 Uhr dort zu essen. Übrigens das Pilgermenü kostet hier sage und schreibe € 8,50. Es besteht natürlich aus drei Gängen und einer Flasche Rotwein. Ich komme in die Bar, und wen treffe ich dort? Ivan und Chantal! Die Freude war übergroß, und so haben wir erstmal eine Flasche Rotwein "geköpft", die in diesem Restaurant € 4 kostete. Um 19.30 Uhr haben wir drei dann zusammen gegessen. Als Vorspeise gab's eine leckere Fischsuppe, als Hauptspeise ein supertolles Fischfilet und als Nachspeise Kuchen, dazu eine Flasche Rotwein und eine Flasche Wasser. Ich war ziemlich angetrunken, als ich mich um 21.45 Uhr auf den Weg zur Pilgerherberge machte. Ich hatte ja noch eine Fußmassage zu erwarten, und Nene gab sich alle Mühe. Tja, eigentlich wollte
ich heute die Hälfte des Pilgerweges geschafft haben, aber nun habe ich noch 402,1 km
vor mir, und dafür noch 17 Tage Zeit bis Santiago de Compostela. Zum Cabo
Finisterre kann ich schließlich ja auch mit dem Bus fahren. Nene sagt, ich
solle viel Milch und Wasser trinken, viele Bananen essen und meine Füße täglich
nach der Wanderung für mindestens eine halbe Stunde kühlen, am besten mit
Eiswürfeln. |
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Ich habe noch schön bis 09.00 Uhr in meinem Bett gekuschelt, dann weckt mich Nene mit einem leckeren Frühstück, natürlich mit heißer Milch und Huevas Fritas. Heute regnet es wie aus Eimern. Ich schaue aus dem Fenster auf die "Via Aquitana" und sehe die ersten durchnässten Pilger in Calzadilla de la Cueza ankommen, und wie sie sich dann weiter durch den Ort in Richtung Lédigos quälen. Ich genieße meinen "freien" Tag, und will geduldig auf meine "Genesung" warten. Danke für alles, Göttlicher Vater, ihr Mächte des Universums, und ihr, meine geliebte Familie. Ich werde irgendwie bescheidener, was meine Wünsche angeht. Die Dinge des täglichen Lebens bekommen eine andere Bedeutung. Ich kann trinken, essen, schlafen, duschen und mit anderen Menschen sprechen, wenn ich will. Was kann man sich, verbunden mit den Wundern der Natur, noch mehr wünschen? Ich freue mich auf mein Zuhause! Während ich hier im Zimmer von Nene mein Tagebuch schreibe, reinigt er mit einem lauten Singen die Pilgerherberge, wäscht und putzt, und irgendwie erinnert mich sein Verhalten an den Film "Ein Käfig voller Narren". Ich habe Nene angeboten, beim Putzen oder Waschen zu helfen. Das hat er mit den Worten "ich solle mich schonen und den Tag genießen" abgelehnt. Jetzt freue ich mich aber doch, denn mein Spanisch wird immer besser, und hinzu kommen die Konversationen in Französisch, denn Chantal und Ivan sprechen zu meiner Verwunderung keine andere Sprache außer Französisch. Gegen 14.00 Uhr habe ich Nene zum Mittagessen eingeladen. Das einzige Restaurant (Bar, Cafe, Kneipe) im Dorf ist auch noch supergut! Als Vorspeise Makkaroni, als Hauptspeise dicke Rippe und als Nachspeise Zitronencreme, dazu Wein, Wasser und Brot für € 8,50 pro Person. Für die zusätzliche
Nacht und die Behandlung will Nene immer noch nichts haben. Dafür habe ich ihm
meinen Talisman, ein Stoffmäuschen, das mich bisher auf jeder Reise begleitet
hat, dagelassen. Für mich war das eine schmerzliche Trennung, aber etwas sehr
Persönliches. Er hat sich darüber erstaunlicherweise riesig gefreut, und es
sofort auf den Fenstersims mit Blickrichtung Pilgerweg gestellt. Noch eine
Massage und den Rest des Tages ausruhen. Nene meint, dass ich bis Morgen Geduld
haben müsse, dann werde man weiter sehen. |
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Dienstag,
01.05.2007 (18. Tag) |
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Noch bin ich sehr skeptisch, aber ich muss ganz einfach vertrauen. Nach dem Frühstück im einzigen Restaurant bin ich los. Hehe Micky, sag ich zu mir, was ist los? Ich lief irgendwie wie auf Watte, keine Probleme, keine Schmerzen und mein Rucksack fühlte sich so leicht an. Ich weiß, dass diese Pause sein musste, und wenn mein Fuß nicht "gestreikt" hätte, wäre ich einfach weitergelaufen, und was hätte ich vielleicht alles verpasst. Nun weiß ich auch, dass ich mehr auf meinen Körper hören, und mehr in mich selbst hineinhören muss - habe ich das jemals schon einmal getan? Schließlich bin auch ich eine Einheit aus Körper, Seele und Geist und das ist ein Geschenk. Danke Göttlicher Vater für das Geschenk der Einsicht und des Verständnisses. Nach wenigen
Kilometern habe ich heute tatsächlich die Hälfte des Weges geschafft. Von Calzadilla de la Cueza geht es über Lédigos nach Terradillos de los Templarios. Dort Kaffeepause und Zigarettchen. Ich muss einfach mehr Pausen machen und mehr Wasser trinken! Ich konnte nicht erwarten, dass mich kurze Zeit später schon wieder ein Wunder erwarten würde. Lange habe ich laut vor mich hingesprochen und mich für alles bedankt, denn eins habe ich auf diesem Weg ganz besonders schätzen gelernt: das Wasser! Wie lange habe ich diese Kraft nur erahnt bzw. sogar Angst vor ihr gehabt. Gedankenverloren und voller Glück gehe ich weiter durch Felder und Wiesen. Plötzlich taucht vor mir ein kleines Stück Baumbestand auf. Ich denke, Du siehst nicht richtig, nein, ich muss einfach träumen! Links und rechts zwei Parkbänke und in der Mitte, wie auf einem Altar, mitten im Nichts, Kaffee, Tee, Kuchen, Snacks, Süßigkeiten und Obst. Daneben ein Schild mit einer kleinen Spendenbox: "Für den Pilger". Ich nehme mir voller Ehrfurcht eine Orange, stecke etwas in die Box, danke und gehe weiter. Dann überkam es mich, ich konnte mich nicht mehr beherrschen und brach in Tränen aus. Eine Viertelstunde kann ich mich nicht mehr beruhigen, so dankbar und gerührt war ich. In Moratinos habe ich dann die Orange gegessen und Brunnenwasser getrunken, und ich glaube, das war die leckerste Orange meines Lebens. Dann ging es weiter über San Nicolás del Real Camino bis Sahagún, wo ich um 14.00 Uhr eintreffe. Nene hat mir dort die Pilgerherberge "Viatoris" empfohlen. Schon wollte ich weitergehen: zwei Stunden gehen doch noch! Nein, STOP! Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich heute schon wieder 22,8 km gelaufen bin. Hehe, Micky, Du hast Zeit. Ich habe mich in der Pilgerherberge "Viatoris" angemeldet, mein "Bett" hergerichtet, meine Wäsche gewaschen, und dann - wie von Nene "befohlen" - meine Füße eine Stunde lang in Wasser mit Eiswürfeln gekühlt und dann massiert. Sie sind nämlich Bestandteil von mir, und das soll ich jeden Tag bis zum Ende meines Weges machen. Als ich die Bandage abnehme, tut mir der Fuß doch wieder ein bisschen weh, also weiterhin langsam, langsam, langsam. Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, werde ich jetzt essen und ein paar Wein trinken. Schauen wir mal, was Morgen ist. Morgen ist bestimmt ein neuer Tag - und ich freue mich. Danke! |
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Mittwoch,
02.05.2007 (19. Tag) |
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Den ganzen Tag stelle ich mir die Frage: "Was mache ich hier überhaupt? Bin ich bescheuert?" Anstatt bei meinen Lieben zu sein, laufe ich hier durch die Gegend und quäle mich ab. Jetzt, um 17.30 Uhr, nach einer Dusche und bei einem Glas Rotwein und einem Fußbad mit Eiswürfeln geht es mir viel besser. Aufgewacht bin ich heute um 04.40 Uhr und losgegangen bin ich dann um 05.20 Uhr. Die Herberge war - obwohl relativ neu - dann doch nicht so mein Fall: eine ausgebaute Scheune und saukalt. Ich laufe zunächst durch die dunklen Straßen von Sahagún. Außer Hundegebell ist nichts zu hören. Dann wird es hell und die Natur erwacht. Hinter Calzada del Coto geht die Sonne auf und die Natur wird immer lauter. Jetzt wird mir auch klar, dass ich die Natur immer von "außen" betrachtet habe, dabei bin ich ein Bestandteil. In Bercianos del Real Camino habe ich gefrühstückt auf und bereits um 11.30 Uhr erreiche ich El Burgo Ranero. Jetzt die Frage: Was tun hier bleiben oder weiter nach Reliegos? Zuerst einmal meine Füße kühlen. In der dortigen Pilgerherberge "Albergue Municipal Doménico Laffi" wird gerade sauber gemacht. Es handelt sich dabei um eine sehr schöne Herberge, aber es war mir einfach noch zu früh. Ich frage freundlich nach, ob ich dort vielleicht ein Fußbad nehmen könne? Selbstverständlich! Aus der Bar gegenüber bekomme ich eine Plastiktüte mit Eiswürfeln. Vor dem offenen Kamin mit einem Scheit Holz und dem Geruch von Duftkerzen nehme ich mein Fußbad und bekomme auch noch eine Tasse Pfefferminztee. Dann treffe ich eine folgenschwere Entscheidung: ich gehe weiter und das heißt 12,8 km auf einem Fußweg durch Felder ohne Dorf oder Ort. Warum habe ich nicht auf meinen Bauch gehört? Immer diese Kopfentscheidungen! Hombre, habe ich gekämpft, geschimpft und mich selbst gequält. Ich muss einfach bescheuert gewesen sein, meinem Fuß - nein mir - heute 30,7 km zuzumuten. Ich kann nur hoffen, dass es gut gegangen ist, ansonsten kann ich abbrechen. Ich habe schließlich in den nächsten 15 Tagen noch 348,6 km vor mir, und wie soll ich das durchstehen mit einer Sehnenscheidenentzündung im Fuß? Schließlich müsste ich im Schnitt 24 km am Tag laufen, um das zu schaffen, und mit dem Bus abkürzen, dazu bin ich zu stolz. Dann lieber ganz abbrechen - Hallo, Micky! Geduld, Mut und Zuversicht!!! Die Pilgerherberge in
Reliegos war meiner Meinung nach nicht so besonders. Ich hatte den Wanderführer
falsch interpretiert, denn dort wird die Pilgerherberge mit sehr guter Küche
beschrieben. Dabei war damit lediglich gemeint, dass die Küche sehr gut
ausgestattet ist. Die Duschen waren akzeptabel aber kalt. |
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Donnerstag,
03.05.2007 (20. Tag) |
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Heute morgen ging es um 07.30 Uhr in Reliegos los. Die Gegend wird jetzt wieder viel abwechslungsreicher, Dörfer, Wiesen, Wälder und Berge. Die 181 km von Burgos bis León zogen sich wie Kaugummi durch endlose Weiten und nicht enden wollende Wege und Horizonte. Hinzu kam kaltes Regenwetter mit tiefen wolkenverhangenen Horizonten. Dieser Abschnitt war für mich die Wanderung durch ein sehr tiefes Tal mit einigen wenigen, aber dafür umso größeren absolut spirituellen Höhepunkten. Und ... auf dem gesamten Streckenabschnitt begleitete mich in meinem Kopf "Fields Of Gold" von Sting - und das gab Kraft! Heute beginnt der Tag mit Sonnenschein aber sehr kalt. Die Luft und der Horizont ist vollkommen klar mit ein paar dicken freundlichen Wolken. Über Mansilla de las Mulas, Puente Villarente und Valdelafuente erreiche ich León, die Hauptstadt von Kastilien, eine Großstadt mit einer sehr schönen Kathedrale. Ich brauche zwei Stunden, um die Stadtmitte zu erreichen. In der Nähe der Kathedrale frage ich einen Polizisten, ob er mir ein Hostal bzw. eine Pension empfehlen kann. "Ja, gleich hier um die Ecke ist das Hostal "Guzman El Bueno", das ist preisgünstig und sehr gut" sagt er. Er hat mir wirklich nicht zuviel versprochen. Eine alte Pension, aber äußerst sauber und alles duftet und blinkt. Die Betreiber, ein älteres Ehepaar, so um die 70, sind sehr nett und bemühen sich, deutsch zu sprechen. Ich bekomme ein Doppelzimmer für € 32 und werde gleich mit einem Eimer und Kühlakkus für meinen Fuß versorgt. Jetzt erstmal ausruhen, duschen und dann auf zum Stadtrundgang. Ich bin äußerst dankbar, dass es mir heute wieder etwas besser geht. So müsste ich es schaffen. Auf dem gestrigen, kräftezehrenden Weg wünschte ich mir sehnlichst, dass ein Auto anhalten und mich mitnehmen würde. Heute bin ich froh, dass es nicht so war. Eben stelle ich mit
Erschrecken fest, dass ich meinen Plan verloren habe. |
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Freitag,
04.05.2007 (21. Tag) |
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Meine heutige Unterkunft ist die Pilgerherberge Tio Pepe. Eigentlich ist es ja ein kleines Restaurant und dort bekomme ich für € 5 in einem Vierbettzimmer meinen Schlafplatz. Gegessen, Füße gekühlt, gewaschen und Tagebuch geschrieben. Mal sehen, ob ich es Morgen bis Astorga schaffe. Cool bleiben, Du
machst das schon. |
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Samstag,
05.05.2007 (22. Tag) |
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Um 06.15 Uhr verlasse ich frohen Mutes meine Unterkunft. Es ist noch dunkel und der Wanderführer verspricht, dass für den heutigen Tag zum letzten Mal Nervenstärke für die rund 1:15 Stunden auf der schnurgeraden Landstraße gefragt ist. Gegen 07.00 Uhr hält neben mir ein Auto, die Autoscheiben sind zum Teil noch zugefroren. Die Fahrerin sagt mir, dass ich auf der falschen Landstraße bin, und bittet mich einzusteigen. Sie nimmt mich mit zurück bis Villar de Mazarife und nachdem sie mich auf den richtigen Weg geschickt hat, beginne ich um 07.15 Uhr erneut. Ich nehme es gelassen, ja, ich nehme es gelassen. Dafür erlebe ich einen schönen Sonnenaufgang, der sich leider während des gesamten Weges immer in meinem Rücken befindet. Es ist saukalt und es weht ein eisiger Wind, aber es ist klar und wolkenlos. Später wärmt die Sonne ein wenig. Von Villavante aus geht es durch ein Industriegebiet bis Hospital de Órbigo. Nicht gerade schön. Dort mache ich eine erste längere Pause und gratuliere Bernd telefonisch zum Geburtstag, natürlich auf Spanisch. Weiter auf und neben der Landstraße und dann über eine abgelegene Straße bis Santibáñez de Valdeiglesias. Dort habe ich frisches Brunnenwasser "getankt". Anschließend durch eine sanfte hügelige Landschaft, vom Wind gekühlt und von der Sonne gewärmt bis zum Wegkreuz Santo Toribio. Von dort aus genieße ich einen schönen Blick auf San Justo de la Vega und Astorga. Wegen des "Umweges" von heute morgen werde ich mir in San Justo de La Vega eine Unterkunft suchen. Ach ja, zum Umweg fällt mir da noch was ein. Als ich im 7. Schuljahr war, gehörte ich der Arbeitsgemeinschaft "Laienspiel" an. Für eine Schulklasse, die in dem Jahr entlassen wurde, haben wir die verschienen Wege des Lebens dargestellt. Ich habe den Umweg von Rhoda vorgetragen, und Umwege war auch zeitlebens mein Thema. Aber für heute gilt: Morgen ist auch noch ein Tag und dann sehen wir weiter. Ich habe im Hostal "Juli" für € 6 ein Bett in einem Sechsbettzimmer bekommen. Ich bin "noch" allein und habe frei Auswahl. Zimmer, Bett und Bad sind sehr sauber. So, Restaurants gibt es keine, also nur einen Riesen-Bocadillo, von dem ich nur die Hälfte schaffe, weil nämlich auch noch Wein rein muss. Ich schön um 21.00 Uhr ins Bett. Ich hatte zwar ein schönes Sechsbettzimmer für mich allein, aber mein Zimmer war über der Kneipe. Das hieß, bis 01.00 Uhr gab es kostenlos Fußball auf einer Riesenleinwand, und danach bis 03.00 Uhr Disko, und beides in entsprechender Lautstärke. Also, viel Zeit zum Grübeln. Ich zweifele nämlich immer noch daran, ob ich den Weg überhaupt schaffe. Konditionsmäßig schon, nur mein Fuß zieht mich im wahrsten Sinne des Wortes ganz "schön" runter. Ich denke, Cabo Finisterre kann ich mir abschminken, und wenn ich aufgrund der Schmerzen nur so langsam weiterkomme, schaffe ich es zu Fuß auch nicht. Aber von wo nach wo mit dem Bus fahren? Die letzten 100 km muss man ja zu Fuß schaffen, und wenn ich jetzt riskiere weiterzugehen, schaffe ich vielleicht die letzten 100 km nicht mehr. Ich könnte von Ponferrada bis Villafranca del Bierzo oder bis Ruitelán mit dem Bus fahren, dann hätte ich ein bis zwei Tagesetappen gespart ... und dann ... wenn, hätte, wäre, könnte ... Und plötzlich höre ich
von unten "Fields of Gold" und bekomme eine Gänsehaut ... |
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Sonntag,
06.05.2007 (23. Tag) |
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Gegen 08.30 Uhr komme ich in Astorga an. Ist das ein wunderschöner Tag, eiskalt, wolkenlos, blauer Himmel, viel Sonnenschein, vielversprechend? Gefrühstückt. Weiter über Murias de Rechivaldo, Santa Catalina de Somoza, El Ganso mit stündlichen Pausen bis Rabanal del Camino, und ständig bergauf von 853 auf 1162 m. Der Anstieg war kaum merkbar, aber jetzt trifft man schon viel mehr Pilger an als vorher. Über einen Pilger war ich sehr überrascht, aber wenn's hilft ... und die Idee ist gar nicht so schlecht. Die heutige Etappe war wunderschön, landschaftlich und psychisch. Ich erfuhr sehr viel Kraft, Mut und Zuversicht ... und wieder einmal war Loslassen angesagt ... und es geht tatsächlich viel besser. Ich werde mich einfach treiben lassen, das ist wohl am besten. Und auch nur so klappt es mit dem Weg ... nein, das ist der Weg! Ich habe absichtlich in Rabanal del Camino gestoppt, denn ich wollte meinen Körper nicht wieder einmal überstrapazieren, und zum anderen wollte ich den Aufstieg nach Foncebadon und Cruz de Ferro (1531 m) bewusst am Morgen erleben. Nun bin ich um 14.30 Uhr in der Pilgerherberge "El Pilar" in einem typischen Bergdorf angekommen. Sehr schön und sauber. Ich habe das Gefühl,
dass heute ein neuer Abschnitt beginnt ... neue Menschen, neue Perspektiven,
neue Eindrücke, neue Erlebnisse ... 248,1 km bis Santiago de Compostela ...
treiben lassen ... don't push it ... meinen Plan habe ich nicht ohne Grund
verloren ... dieser Weg ist ein Weg der Freude ... die Freude soll über die
Traurigkeit und das Leid triumphieren ... |
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Montag,
07.05.2007 (24. Tag) |
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Der gestrige Abend war sehr schön. Ich habe mich sehr nett mit Sebastian aus Hamburg und Gerhard aus Schweden unterhalten, auch wenn Sebastian meine ganzen Zigaretten weggeraucht hat. Dies war eine der besten und freundlichsten Pilgerherbergen auf meinem bisherigen Weg. Den superleckeren Riesensalat und die Portion Makkaroni habe ich nur zu einem Viertel geschafft. Solche Portionen habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Die Pilgerherberge war brechend voll, aber ich habe sehr gut geschlafen. Morgens einen Kakao und um 07.15 Uhr ging's los. Natürlich musste die "Herbergsmutter" mich noch drücken und küssen und mir einen "Buen Camino" wünschen. Und dann ging's los! Wo ich gerade diese Zeilen schreibe, sind meine Augen noch voller Tränen des Glücks. Von Rabanal del Camino (1162 m) aus geht es bei einem wunderschönen Sonnenaufgang in stetigem Bergauf durch eine wunderschöne Landschaft mit gelbem Ginster und rosa Heidekraut bis Foncebadón (1439 m). In Foncebadón trinke ich einen Milchkaffee und genieße die Aussicht von einer Bank vor der Bar. Da nehme ich neben mir eine ältere Frau war. Sie sieht traurig aus und humpelt, und so frage ich, was los ist. Sie sagt, dass der Pilgerweg für sie hier zu Ende ist, weil ihr Knie nicht mehr mitmache. Sie warte nur noch auf ihr Taxi. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und sage, dass es einen Sinn habe und sie in die Arme genommen. Ja, ich weiß, ich hab gut reden, aber es war wirklich kein blödes Gerede von mir, sondern herzlich gemeint. Sie bricht in Tränen aus und bedankt sich bei mir. Betrübt setze ich meinen Weg fort zum Cruz de Ferro (1531 m) und bin ergriffen von der wunderschönen Landschaft. Göttlicher Vater: ich danke Dir von ganzem Herzen für Deine Belehrungen, Bewahrungen und Zurechtweisungen. Dort lege ich den von Zuhause mitgebrachten Sorgenstein mit dem Gebet des Cruz de Ferro ab: "Herr, möge dieser
Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, Weiter auf dem Weg gingen mir so einige schöne Gedanken durch den Kopf. So habe ich voller Dankbarkeit an meine verstorbenen Eltern gedacht, wie viel ich ihnen zu verdanken habe, und wie tief gerade die Liebe zu meiner Mutter war. Kurz vor dem Ort Manjarin verlasse ich den Weg und komme auf die Landstraße. Dort steht auf der linken Straßenseite ein kleines steinernes Kreuz mit der Aufschrift "EVA" (der Name meiner Mutter) mehr nicht. Ich bekomme eine Gänsehaut und erreiche das fast verlassene Dorf Manjarin. Dort wird bei meinem Eintreffen ein kleines Glöckchen geläutet, das machen die dort für jeden Pilger. Ich komme zum einzigen bewohnten Haus, muss mich setzen und heule einfach los. Da ich mich irgendwie nicht beruhigen kann, versuchen mich die Leute zu trösten und ich bekomme einen Kaffee. Als ich ihnen sage, dass ich nicht aus Traurigkeit, sondern vor Rührung weine, fällt meine Blick auf eine kleine Karte mit der Aufschrift "Mikael". Heute war ein sehr heißer Tag, und zudem auch einer meiner schönsten. Von Manjarin aus noch einmal ein Stückchen bergauf mit weiten Blicken auf das Tal des Rio Sil bis über die Dörfer nach Ponferrada. Dann beginnt der Abstieg, der bedingt durch Steine und Geröll bedeutend anstrengender ist. Ich gelange zu den Dörfern El Acebo (1145 m) und Riego de Ambrós (920 m). Dort trinke ich eine Rotweinschorle, dann weiter bis nach Molinaseca, wo ich übernachten möchte. Die Pilgerherberge, die sich etwas außerhalb vom Ort befindet, erreiche ich gegen 15.30 Uhr. Sie ist voll. Man bietet mir an, auf dem Boden zu schlafen, aber aus dem Alter bin ich raus, und das war mir dann doch zuviel nach dem sehr schönen aber anstrengenden Tag. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich bin zum Ortseingang zurück, in der Hoffnung, ein Zimmer in einem Hostal zu ergattern. Aber da wollte man € 70 für eine Übernachtung ohne Frühstück. Nee, das war mir zuviel. Meine Füße brannten wie Feuer, meine Waden waren vom Abstieg steinhart und Lust hatte ich schon gar nicht mehr. Davon abgesehen habe ich meine Isomatte nicht mitgenommen und außerdem wäre es auch zu kalt, um draußen zu schlafen. Und was jetzt? Viermal am Tag fährt ein Bus nach Ponferrada, und der kommt "zufällig" um 16.00 Uhr. Als ich die Haltestelle erreiche, scheint der Bus auf mich zu warten. Ein schlechtes Gewissen habe ich schon, als ich mit dem Bus an Gerhard aus Schweden vorbeifahre. Der Busfahrer hat mich dann freundlicherweise an der Pilgerherberge "Refugio San Nicolas" in Ponferrada rausgelassen, obwohl die für ihn gar nicht auf dem Weg lag. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass seit Astorga viele "Tagespilger" unterwegs sind. Sie laufen eine Tagesetappe und die Rucksäcke werden parallel transportiert. Auch stelle ich immer wieder fest, dass einige sogenannte Pilger mit dem Auto unterwegs sind. Die übernachten dann tatsächlich auch in Pilgerherbergen, weil die viel preisgünstiger sind als Hostals oder Hotels. Unter diesem Eindruck sehe ich, dass auf dem Parkplatz vor der Pilgerherberge in Ponferrada zahlreiche Busse und Autos stehen, und die Beschreibung im Wanderführer (188 bis 270 Betten) sagt mir auch nicht zu. Also laufe ich weiter durch Stadt und habe insgesamt vier Hostals und Hotels aufgesucht ... vergeblich ... alle voll. Etwas außerhalb vom Stadtzentrum habe ich im Hostal "San Miguel" (wie sollte es auch anders heißen) für € 25 ein schönes und sauberes Zimmer bekommen, und obendrein noch einen Rotwein auf Kosten des Hauses. Für heute reicht's ... |
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Dienstag,
08.05.2007 (25. Tag) |
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Gegen 08.00 Uhr bin ich losmarschiert. Wieder einmal habe ich über eine Stunde gebraucht, um aus Ponferrada rauszukommen. Aber das lohnte sich, denn es folgten wunderschöne Dörfer wie Compostilla und Columbrianos. Nach dem Frühstück weiter über Fuentas Nuevas, Camponaraya und Cacabelos bis Pieros, wo ich Jethro, den netten Australier wiedergetroffen habe. Meine Mittagspause habe ich mitten im Nirgendwo gemacht. Gegen 14.00 Uhr erreiche ich Villafranca del Bierzo. Zunächst will ich meine heutige Tagesetappe bis Pereje oder Trabadelo fortsetzen, dann mache ich aber am Ortsausgang kehrt, weil meine Füße qualmen. Auch die Anzahl der Pilger nimmt zu und ich sehne mich nach dem sanften Navarra zurück. Vom Ortsausgang ging es zurück bergauf zur Pilgerherberge "Ave Fénix". Sie ist sehr originell, hat aber enge Zimmer mit vielen Betten. Ich bekomme das letzte Bett in einem Zimmer mit 20 Etagenbetten. Ab Morgen sind es noch 187,2 km und ich habe noch 10 Tage bis zum Rückflug. Vielen Dank, Göttlicher Vater, für diesen wunderschönen Tag mit blauem wolkenlosen Himmel, wärmender Sonne und kühlem Wind. Ach ja, mein Fuß, der
schmerzt nicht mehr ... |
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Mittwoch,
09.05.2007 (26. Tag) |
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Missmutig, übel gelaunt und lustlos bin ich heute morgen aufgestanden. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich wieder mal kaum geschlafen habe. Volle Pilgerherberge, Schnarcher ohne Ende, schmutzige Sanitäranlagen und als Kopfkissen diente eine harte, ekelige "Pferdedecke". Und trotzdem herrschte in der Pilgerherberge eine sehr positive Atmosphäre. Aufgrund der Unruhe im Zimmer bin ich in der Nacht mehrmals aufgestanden und habe draußen eine geraucht. Und dafür wurde ich mit einem wunderschönen Sternenhimmel belohnt. Um 06.00 Uhr standen die ersten Pilger auf, ein Grund auch für mich aufzustehen. Bis 06.45 Uhr war die Pilgerherberge verriegelt und verrammelt, dann strömten etwa 20 Pilger wie eine wilde Meute auf den Weg. Ich gemächlich los und lasse sie laufen, so habe ich wenigstens meine Ruhe. Es ist wieder einmal sehr kalt, und so vermisse ich auch meine Vliesjacke, die ich nach Santiago postlagernd vorgeschickt habe. Über Pereje gehe ich weiter bis Trabadelo. Dort treffe ich doch tatsächlich Jethro aus Australien. Wir haben uns sehr nett unterhalten und so wurde die Strecke sehr kurzweilig. Villafranca del Bierzo lag auf einer Höhe von 524 m, jetzt ging es stetig bergauf über La Portela de Valcarce, Ambasmestas bis Vega de Valcarce, wo ich eine leckere Fleischtasche und einen Milchkaffee genossen habe. Mittlerweile ist es wieder so richtig heiß geworden. Dann weiter bergauf über Ruitelán, Las Herrerias und Hospital bis La Faba auf 916 m. Dort hat mich Jethro verlassen, weil es ihm wegen einer Grippe nicht so gut geht. Ich habe am Fluss Rio Mazaco angehalten, dort meine Füße gekühlt, die Socken gewechselt und eine Apfelsine gegessen. Dann ging's weiter. Von la Faba aus über La Laguna bis O Cebreiro auf 1330 m wurde es dann so richtig heftig. Laut Wanderführer ist die Strecke als mittelschwer bis schwer eingestuft. Dann war's geschafft. Der Wanderführer hat wirklich nicht übertrieben: es war eine der landschaftlich ergreifendsten Etappen. Wunderschöne Ausblicke auf die umliegenden Berge und Dörfer. Morgen habe ich noch die Pässe San Roque und Alto do Poio zu überwinden, dann geht's wieder bergab durch Wälder, Felder und kleine Dörfer bis Santiago de Compostela. Tja, die heutige Pilgerherberge ist im Umbau und so bleibt mir nichts anders übrig, als in einem der behelfsweise aufgestellten Container zu übernachten. Dafür ist alles neu und sauber. Ich bin in einer sehr netten und freundlichen Kneipe eingekehrt, die aufgrund der körperlichen Statur von Wirt und Wirtin auf gutes Essen hindeutet. Während ich mein Tagebuch schreibe, isst die Belegschaft am Nebentisch und es riecht verdammt gut. Also frage ich ohne Scheu, was es denn heute gibt? Ein leckerer, so richtig deftiger Eintopf aus Kartoffeln, Erbsen, Möhren und Fleisch. Ohne mit der Wimper zu Zucken schickt die Wirtin ein Mädchen in die Küche, um einen Teller zu holen, und so bekomme ich eine leckere Kostprobe. Während ich esse, werde ich von der Wirtin beobachtet, ob es mir auch schmeckt. Tja, hat es, und jetzt habe ich so richtig Hunger bekommen und bestelle mir eine Racion Calamares. Heute bin ich kaputt
und bewundere das Geschenk des Sternenhimmels. |
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Donnerstag,
10.05.2007 (27. Tag) |
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Die heutige Wanderung war einfach nur wunderschön, eine tolle Berglandschaft mit kleinen Bergdörfern. Ich konnte einfach nicht aufhören zu wandern. Da ich ja meinen Plan vor einigen Tagen verloren habe, verlaufen meine Tage etwas planloser, und trotzdem einfach schön. Zunächst habe ich die Pässe Alto San Roque (1270 m) und Alto do Poio (1137 m) überwunden. Um 10.00 Uhr habe ich es geschafft. Von nun an geht's nur noch bergab - habe ich gedacht. Ab Alto do Poio hat
mich José aus Madrid für etwa zwei Stunden begleitet, ein kräftiger, gut
aussehender und total sympathischer Spanier von Anfang 30, und so bekomme ich
zusätzlich noch kostenlos Spanischlektionen. Er lernt von mir Englisch und ich
von ihm Spanisch. Anschließend geht es weiter über Fonfria, Pasantes und Ramil bis nach Triacastela. Dort bin ich eingekehrt und habe einen leckeren Salat gegessen. Ein Glas Rotwein mit Sprudelwasser hat natürlich auch nicht gefehlt. "Erleichtert danach den Weg" meinen die Spanier, die dieses Getränk auch gerne morgens schon zu sich nehmen. Die tolle Landschaft und die schönen kleinen Bergdörfer haben mich veranlasst, bis nach Samos weiterzugehen. Es macht einfach süchtig, die einzigartige Natur "erleben" zu dürfen. Von Triacastela aus ging es dann weiter. Ab dort nervte mich ein Pilger mit seinen "Scheiß-Wanderstöcken" auf dem Asphalt. Klick ... klick ... klick ... ich wollte ihm "davonlaufen", aber für ihn schien es ein Ansporn zu sein, mit mir mitzuhalten. Etwa 45 Minuten habe ich das durchgehalten ... bin ich bescheuert, habe ich mich gefragt ... und habe ein längere Pause hinter San Cristovo do Real gemacht ... klick ... klick ... klick ... wurde immer leiser ... Dafür beobachtet mich jetzt aus sicherer Entfernung ein streunender Hund, neugierig, fast geräuschlos und mit viel Abstand. Nun freute ich mich auf Samos. In meiner Vorstellung verband ich damit auch unseren gemeinsamen schönen Urlaub mit Franz-Josef und Klaus, aber die Dinge kehren halt so, wie sie waren, nicht mehr wieder zurück. Und so lerne ich auch ... na ja ... zumindest versuche ich es ... mir von gewissen Dingen, die mich erwarten, keine Vorstellung mehr zu machen, sondern diese einfach auf mich zukommen zu lassen. Immer weiter laufe ich parallel zum Rio Sarria, einfach nur schön. Ich stelle mir gedanklich schon wieder vor, eine Foto vom Ortseingangsschild von Samos zu machen ... hehe, lass das ... Gegen 16.00 Uhr habe ich einen wunderschönen Blick auf das Kloster von Samos. Samos war voll von Pilgern, auch die Art von Pilgern, die vorgebuchte Etappen laufen und ihre Rucksäcke vorgebracht bekommen. Die städtische Pilgerherberge direkt am Kloster war sehr originell, aber viele, viele Betten, und das schlimmste war, dass - den Flecken nach zu urteilen - die Bettauflagen wahrscheinlich schon Monate nicht mehr gewechselt worden waren, einfach nur ekelhaft. Hier schlafe ICH auf jeden Fall nicht. Ich gehe zum nächstgelegenen Hostal gegenüber der Pilgerherberge. Mit einem freundlichen "Buenos Dias" betrete ich das Hostal. An einem Tisch neben dem Eingang sitzt dem Anschein nach die Wirtin mit ihren beiden Töchtern. Man mustert mich von oben bis unten (wahrscheinlich sah ich schlimm aus) und erwidert noch nicht einmal meinen Gruß. Ich frage freundlich nach einem Zimmer. "Completo" ist die kurze Antwort der Tochter, mehr nicht. Den Eindruck hatte ich zwar nicht, aber ok, dann geh' ich halt weiter. Was tun, war die Frage, denn ich war vollkommen erschöpft und überwältigt von der heutigen Wanderung. Die einzige private Pilgerherberge am Ortsausgang hat gerade das letzte Bett vergeben, und das Hotel in Richtung Sarria ist von "Tagespilgern" (die mit den vorgebuchten Etappen) ausgebucht. ICH KANN NICHT MEHR!!! Tja, plötzlich und "zufällig" hält neben mir ein Taxi. Der Taxifahrer geht in den dort befindlichen Tabakladen, und ich hinterher. Anschließend fährt er mich für € 8 in das 11 km entfernte Sarria, lässt mich am dortigen Pilgerweg raus und in der privaten Pilgerherberge "O Durminento" bekomme ich für € 8 ein Bett. Eine sehr saubere Pilgerherberge mit Restaurant und das ist mir sehr recht: Füße kühlen, waschen, duschen, duschen, essen, Wein trinken, schlafen ... gute Nacht. Ich habe die Route über Samos gewählt, weil der Wanderführer dazu schreibt: "Die Variante über Samos ist trotz der Teilstücke neben der Straße schöner als ihr Ruf. Die Übernachtung in Samos lohnt vor allem wegen der gregorianischen Gesänge während der Messen und Andachten in der Klosterkirche." Tja, habe ich verpasst ... und am nächsten Tag treffe ich Gerhard aus Schweden wieder, der nämlich die Strecke von Triacastela über San Xil, Montán, Calvor bis Sarria gelaufen ist und von der menschenleeren Landschaft total begeistert war. Also, nicht alles
glauben, was geschrieben steht!!! |
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Freitag,
11.05.2007 (28. Tag) |
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Von Sarria aus bin ich heute morgen um 7 Uhr losgegangen. Es ist kühl, windig und bewölkt - für mich ideales Wanderwetter. Mittlerweile bin ich wieder bei 453 m. Essen und Schlafen in der Pilgerherberge "O Durminento" war ok. Dort habe ich gestern abend noch zwei Frauen aus Irland und zwei Frauen aus Uruguay kennengelernt, nette Mädels. Patsy, eine der beiden Irinnen meinte, ich solle mich beruflich verändern. Sehe ich nicht so, aber vielleicht sollte ich meine Einstellung zum Beruf verändern. Durch wunderschöne Bauerndörfer ging es ständig angenehm bergauf und bergab über Vilei, Barbadelo und Ar Brea bis nach Ferreiros. Zwischenzeitlich habe ich auch Gerhard aus Schweden und das Mädel, das im gleichen Zug mit mir von Bayonne nach Saint-Jean-Pied-de-Port fuhr, wiedergetroffen. Sie hat sich gestern verlaufen und ist über 30 km gelaufen. Zudem hat sie ihre beiden Freundinnen verpasst. Sie war ganz traurig darüber, aber ich habe sie gedrückt, und ihr gesagt, dass sie ihre Freunde bestimmt wiedertreffen wird, und darüber hat sie sich sehr gefreut. Kurze Zeit vorher habe ich den Kilometerstein "100" bis Santiago passiert. Es nervt schon ein wenig, dass seit etwa 50 km in einem Abstand von 500 m ein "Meilenstein" mit der Kilometerabgabe steht. Irgendwie wurde ich dadurch abgelenkt, und irgendwie kommt mir die Strecke jetzt länger vor. Klick ... klick ... klick ... da sind sie wieder ... Auch Richard aus Bristol und Reiner, den pensionierten Arzt aus Bonn, der mir in Carrión de los Condes wegen meiner Sehnenscheidenentzündung seine Turnschuhe angeboten hat, habe ich wiedergetroffen. Eine Woche noch, dann bin ich endlich wieder bei meinen Liebsten. Die Sehnsucht wächst und wächst. Von Ferreiros aus ging es weiter über Vilachá bis Portomarin, wo ich gegen 13.00 Uhr eingetroffen bin. Eine schöne Kleinstadt an einem Stausee. In der privaten Pilgerherberge
"O'Miromar" mit einem schönen Ausblick auf den Stausee habe ich für €
8 Quartier bezogen, geduscht, meine Wäsche zum Waschen
abgegeben, Spaghettis gegessen, meinen obligatorischen Wein getrunken, Tagebuch geschrieben,
und jetzt etwas ausruhen. Heute abend sehen wir dann weiter. |
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Samstag,
12.05.2007 (29. Tag) |
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Die beiden irischen Damen, Patsy und Ann, schliefen auch in "meiner" Sechserkabine, und eine Frau aus Holland mit ihrer Tochter. Ihre Tochter war so um die 30 und total begeistert, was ich auf meinem Weg so erlebt habe. Alle laufen nur die letzten 100 km mit Leichtgepäck. Um 7 bin ich dann raus aus den Federn, einen Kakao und dann on my way. Anfangs habe ich schöne Ausblicke auf Portomarin genossen. Endlich mal eine Stadt am Wasser. Mittlerweile sehne ich mich nach dem Atlantik. Auf meinem Weg hat Wasser für mich eine sehr große Bedeutung bekommen. Neben der täglichen Wohltat für meine Füße auch für meine Seele. Kurz vor meinem Aufbruch sprach mich Ann noch an, und meinte, ich solle meinen Beruf wechseln. Ich solle Vertrauen haben, und versuchen, etwas anderes zu finden. Sie spüre, dass ich mit meiner Arbeit nicht zufrieden sei und ich hätte besseres verdient. Ja, wie soll das denn bitteschön gehen? Selbstverständlich weiß ich selbst, dass ich oft an meiner Arbeit zweifle. Gut, dafür, dass die Rahmenbedingen immer schlechter werden, kann ich nichts. Aber meinen Perfektionismus sollte ich "loslassen", und das ist das eigentliche Problem, nicht die Art der Arbeit. Und natürlich weiß ich auch, dass man Zufriedenheit nur in sich selbst finden kann. Also, Erwartung herunterschrauben, auf sich selbst vertrauen, alles geben, nichts erwarten ... und dann geht's. Von Portomarin aus ging es in ständigem auf und ab durch Wiesen und Wälder über Gonzar, Castromaior, Hospital da Cruz,
Ventas de Narón, Ligonde, Areixe und Palas de Rei bis nach San Xiao bzw. San
Xulian do Camino. In diesem kleinen mit etwa 30 Einwohnern bleibe ich heute. Die
Pilgerherberge heißt "O Abrigadoiro", ein gemütliches altes Haus mit Bar,
Restaurant und offenem Kamin. Bei meiner Ankunft läuft klassische Musik, eine
sehr angenehme und ruhige Atmosphäre. Die Pilgerherberge ist mit € 20 zwar etwas
teurer, beinhaltet aber Abendessen, Bett und Frühstück, mitten im Dorf, mitten
im Nirgendwo, und es gefällt mir hier außerordentlich gut. Den ganzen Tag über
sehe ich Grillplätze und mir läuft dauernd das Wasser im Mund zusammen. Und dann dieser
wunderschöne Abend in einer der besten Pilgerherbergen auf meinem Weg: Die "Herbergsmutter"
hat das Essen gemacht: Suppe, Salat, am offenen Kamin gegrilltes
Kalbsfleisch, Käse, Wein, Brot, Schnaps ... für mich dann Bett ... und noch 69,6
km. |
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Sonntag,
13.05.2007 (30. Tag) |
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Als ich die Herberge verließ, zeigte sich mir ein wunderschöner doppelter Regenbogen, und ich schien mitten durch zu gehen. Dann begann einer
meiner härtesten Tage auf diesem Weg. Ich wurde mächtig auf die Probe gestellt,
aber ich blieb frohen Mutes und geduldig fast bis zum Schluss der heutigen
Etappe. Nachdem ich etwa fünf Minuten auf dem Weg war, begann es wie aus Eimern zu regnen. Hinzu kamen starke Windböen. Von San Xiao aus ging es über Pontecampaña, Casanova/Mato nach Leboreiro und dann zum Industriegebiet Polígono Industrial da Gándara, wo sich einige Pilger trotz bester Regenausrüstung unterstellten, während ich triefend aber frohen Mutes und singend weiterlief. Tja, die Sache mit dem Wasser, Balsam für meine Füße und meine Seele ... heute gab's mehr als genug davon. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, bis Ribadiso da Baixo zu laufen. Ich wollte in der dortigen an einem Bach gelegenen Pilgerherberge bleiben. Trotz des starken Regens lief ich durch wunderschöne und beim Regen noch grüner wirkende Wiesen, kleine Siedlungen und duftende Eukalyptuswälder, und das in ständigem bergauf und bergab, und mittlerweile vollkommen durchnässt. Aber die Jacke hielt tatsächlich dicht. Weiter durch Mélide, Raido, Boente und Castañeda. Die heutige Etappe schien nicht enden zu wollen. Ich hatte den Eindruck, ich sei seit mindestens 10 Stunden gelaufen, nur der zu vermutende Stand der Sonne sagte mir etwas anderes. Kurz vor meinem Etappenziel Ribadiso da Baixo traf ich Karen. Sie sagte, dass sie noch bis Arzúa laufen werde, da sie sowieso vollkommen durchnässt sei und damit morgen weniger zu laufen habe, und das leuchtete mir ein. Die Pilgerherberge in Ribadiso da Baixo war tatsächlich wunderschön gelegen, wäre aber eher etwas für einen Sonnentag gewesen. Da sie aber noch geschlossen hat, bin ich auch weiter. Um 14 Uhr erreiche im Schlepptau von Karen die brechend volle städtische Pilgerherberge in Arzúa, aber ich bleibe, obwohl ich mehrere Hinweisschilder auf Hostals und Pensionen gesehen habe. Tja, mal sehen, wie es weiter geht. In der Pilgerherberge treffe auch auf ein paar Freaks mit Gitarre und ausgetretenen Wanderstiefeln ... hehe, keine Vorurteile. Sie sind sehr nett und unterhalten während der halben Nacht die Pilgerherberge mit ihrer Musik. Durch die krächzende Stimme der "Sängerin" ist ein bisschen nervend. So, raus aus den Klamotten, aber wohin damit? Alles hängt voll. Wäscheleinen quer über alle Betten gespannt. Zunächst habe ich meinen Schlafsack abgetrocknet, denn der war auch nass geworden. Ich wollte ja unbedingt das Gewicht der Schutzhülle (immerhin wenige Gramm) einsparen. Ich weiß auch nicht, was mich bei der Idee "geritten" hat. Ist nämlich sehr angenehm, in einem feuchten Schlafsack schlafen zu müssen. Und von der Nässe war ich auch ganz schön durchgefroren. Dann habe ich erstmal heiß geduscht. Zumindest das war möglich, und ich war richtig froh, meine Badelatschen mitgenommen zu haben. Bloß aufpassen, dass ich nicht an die Duschwände komme. Vor mir hatten nämlich schon einige "Dreckspatzen" geduscht. Dafür gibt's dann kein Toilettenpapier und ich bin froh, dass ich meine Hakle Feucht dabei habe. Neben mir war noch ein Bett frei. Kurze Zeit später kommt Karen zu mir und fragt, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn sie das Bett nimmt, sie fühle sich nämlich in meiner Nähe sicher und geboren. Ja, selbstverständlich und gerne. Eine sehr freundliche, liebenswerte und hochintelligente Frau, die mir Zeitungspapier besorgt hat, um meine Wanderstiefel "auszustopfen", und auch wir spannen unsere Wäscheleine von Bett zu Bett. Abends haben wir in gemütlicher und ruhiger Atmosphäre zusammen gegessen. So, heute waren es 27 km. Damit habe ich 750 km hinter mir, bis zu meinem Ziel Santiago noch 42,6 km vor mir und für morgen habe ich meinen letzten "Boxenstopp" in Pedrouzo geplant. Mir und meinen Füßen
geht es supergut. Ich bin gespannt, wie es morgen aussieht! |
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Montag,
14.05.2007 (31. Tag) |
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Von Arzúa aus wieder durch wunderschöne Dörfer und Eukalyptuswälder über A Peroxa, Calle, Brea, Santa Irene bis nach Pedrouzo/Arca do Pino, wo ich um 12 Uhr eintraf. Mit anderen Pilgern wartete ich, bis um 13 Uhr die städtische Pilgerherberge mit 120 Betten öffnete. Weil ich so früh dort war, bekam ich sogar ein "Einzelbett". Das zweite habe ich vorsichtshalber für Karen frei gehalten. Die hat sich darüber riesig gefreut. Meine Wanderstiefel sind natürlich über Nacht nicht getrocknet, und so habe ich zunächst über meine Socken jeweils eine Plastiktüte gezogen, damit wenigstens meine Füße trocken blieben. Ein spanischer Pilger hat mir geraten, meine Wanderstiefel zum Trocknen hinter den Wäschetrockner zu stellen, und das hat supergut geklappt. Heute bin ich 21,3 km
gelaufen, und dieselbe Entfernung habe ich morgen noch einmal bis Santiago vor
mir. Heute bin ich voll am Ende. Vielleicht ist es auch eine Art von
Erleichterung - wenn alles gut geht - morgen in Santiago anzukommen, und
letztmalig in einer vollen Pilgerherberge schlafen zu müssen. Ich freue mich auf
morgen ... |
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Dienstag,
15.05.2007 (32. Tag) |
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Nach den letzten fünf Stunden Wanderung bin ich um 11 Uhr in Santiago de Compostela angekommen. Nun sitze ich am Seiteneingang der Kathedrale und mache meine Tagebucheintragungen. Nachdem ich vor Aufregung und der vollen Pilgerherberge fast die ganze Nacht nicht schlafen konnte, bin ich um 05.30 Uhr aufgestanden und losgegangen. Ein letztes Mal bergauf und bergab von Pedrouzo/Arca do Pino über die Landstraße bis Lavacolla. Dann noch einmal, aber tatsächlich auch zum letzten Mal, stark bergauf bis Villamaior. Vorbei an kleinen Bauerndörfern und am Flughafen von Santiago. Von Monte do Gozo aus erhoffte ich mir einen tollen Ausblick auf Santiago, aber weit gefehlt, das war leider nicht der Fall. Lange lief ich durch die Neustadt bis ich nach etwa einer Stunde die Altstadt von Santiago de Compostela erreichte. Ich bin begeistert, gerührt und überwältigt, wie viele Menschen und Generationen sich über diesen Anblick und den erfolgreichen Weg gefreut haben müssen! Begrüßt werde
ich von einem Dudelsackspieler. Gestern war ich noch
einmal sehr betroffen: Nach meiner Ankunft habe ich mir zuerst meine Pilgerurkunde im Pilgerbüro abgeholt. Im zentral gelegenen Hostal bzw. Hospedaje "Ramos" habe ich für € 20 die Nacht ein sehr gutes und sauberes Zimmer bekommen. Rucksack und Pilgerstab abgestellt, dann sofort zur Post und meinen Karton, den ich vorgeschickt habe, abgeholt. Mit den Sportschuhen kann ich zuerst nicht richtig laufen. Tja, aber dann ging's. Dann kam der Stadtrundgang - einfach wunderschön, aber auf der anderen Seite nicht so spektakulär, wie ich es mir - wieder einmal - vorgestellt haben. Die Pilgermesse um 12 Uhr habe ich nicht mehr geschafft. Das möchte ich morgen machen. In der Zeit vom 15.
bis 20. Mai findet in Santiago das Festival "Ascension" statt. Nun, wie sieht meine weitere Planung aus? Morgen die
Pilgermesse, für Donnerstag eventuell einen Tagesausflug mit dem Bus nach Cabo
di Finisterre und für Freitag ist Einkaufen und der Rückflug angesagt. Nachdem ich mich auf meinem Zimmer etwas ausgeruht habe, mache ich noch einmal einen kleinen Stadtrundgang. Im Cafe "Casino" habe ich mir ein Bier getrunken. Der Kellner hatte mir versehentlich ein großes Bier berechnet, und ein kleines gebracht. Dafür bekam ich zusätzlich ein großes und Tapas obendrein. Abends habe ich Gambas
gegessen, dazu Queso, Bier und einen Orujo. Am Nebentisch sitzen zwei ältere
Ehepaare aus Deutschland, "pflaumen" sich die ganze Zeit gegenseitig an,
beschweren sich über das Essen und zu wenig Gewürz. Die nerven total und so sage
ich, dass man nach 800 km bescheidener wird und Dinge wieder zu schätzen weiß.
Als einzige Antwort sagt einer vom Nebentisch "wir sind aber mehr gelaufen"
... und so ist das Gespräch beendet ... |
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In der Nähe des Hostals habe ich für € 3,50 in einem Café gefrühstückt. Dann habe ich noch einmal einen Stadtbummel
gemacht. Unser Freund Franz-Josef hatte mir seinen Brustbeutel geliehen, und der
wurde vom Schweiß und Regen ganz schön versaut. Um 12 Uhr war es endlich so weit - die Pilgermesse. Es war ergreifend und wunderschön. Die ganze Stadt und die Kathedrale war voller Pilger, Stimmengewirr in allen Sprachen und Pilger mit und ohne geschulterten Rucksäcken treten ein und aus. Zu Beginn der Messe wurden die am Vortag angekommenen Pilger erwähnt ... von St. Jean Pied de Port: 5 Pilger aus Deutschland, 7 Pilger aus Frankreich, 1 aus Australien, 1 aus Brasilien ... usw. usw. ... das ging zunächst einmal über mehrere Minuten so weiter ... Dann wurde ein freiwilliger Pilger gesucht und es meldete sich ein Spanier. Der durfte aus der Bibel lesen. Von der Messe selbst habe ich nicht viel verstanden, dennoch konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten, es war ergreifend ... und ich war dabei! Wie sollte es anders sein, während der Messe habe ich Karen aus Dänemark getroffen. Störend sind
die Touristen, die keine Rücksicht auf die Messe nehmen ... Dann folgte das Abendmahl und zum Abschluss haben sich alle die Hand gegeben. Das Schwenken des Weihrauchfasses, des sogenannten "Botafumero", habe ich nicht miterlebt, weil diese Zeremonie nur zu besonderen Anlässen stattfindet, wie beispielsweise morgen am Feiertag Christi Himmelfahrt ... aber ich bevorzuge lieber den Tagesausflug nach Cabo Finisterre. Abschließend habe ich, so wie es üblich ist, die silberne Figur des Heiligen Jakobus, die am Hochaltar "thront", berührt, umarmt und geküsst und dann seine unter dem Hauptaltar, in einem Silberschrein befindlichen Reliquien besichtigt ... Interessant ist, dass
das Fünf-Sterne-Hotel "Parador" täglich
die ersten zehn Pilger morgens, mittags und abends gegen Vorlage einer Kopie der
Compostela beköstigt. Nach der Pilgermesse treffe ich auf dem Vorplatz der Kathedrale "Jethro" ... das war eine Riesenfreude ... der ist heute morgen eingetroffen. Abends habe ich im Restaurant "Casa Camilo" für € 13,50 ein ausgezeichnetes Pilgermenü genossen ... Fischsuppe, gegrillten Lachs, zum Nachtisch Flan, dazu Brot und ein Getränk. Da die Spanier gern und ausgelassen feiern, ist seit 18 Uhr wegen der Fiestas Lokales eine "Samba-Truppe" unterwegs. Heute abend hatte ich noch ein berührendes Erlebnis: Eine Gruppe blinder Pilger trifft in Begleitung ihrer Blindenhunde ein und sie machen einen sehr glücklichen Eindruck ... was für ein erhebendes Erlebnis ... Um 22 Uhr war ich im Bett aber zum Schlafen war es zu laut. Danke für diesen wunderschönen Tag und die schönen Erlebnisse! Danke für offene Augen
und Ohren! |
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Donnerstag, 17.05.2007 (34. Tag) |
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Um 07.30 Uhr weckte mich mein Handy! Ich aus dem Bett und durch fast menschenleere Straßen. Na ja, ein paar Betrunkene, Singende und Knutschende waren schon noch da. Wie jeden Morgen wurden die Straßen und Gassen gereinigt. Nach einer halben Stunde erreichte ich zu Fuß den Busbahnhof. Mein Bus nach Cabo Finisterre sollte um 9 Uhr abfahren. Am Busbahnhof war eine Riesenschlange, alle wollten zum Cabo Finisterre. Es kamen nicht alle mit und es gab ellenlange Diskussionen, wie es weitergehen soll. Neben mir im Bus sitzt Christian, "schnallt" nichts und ist über alles (insbesondere über die Pilgermesse, die er im wahrsten Sinne des Wortes nicht verstanden hat) enttäuscht. Der Bus fährt ab. Als erstes diktiert Christian auf sein Handy "Bus fährt mit 47 Minuten Verspätung ab!" Für die anderen Wartenden wird selbstverständlich ein weiterer Bus zur Verfügung gestellt. Es geht vorbei durch wunderschöne Dörfer Galiciens, malerische Fischerdörfer, Palmen-, Zitronen- und Feigenbäume und weiße Strände bis nach Finisterre, wo wir gegen 12 Uhr eintreffen. Danach 45 Minuten zu Fuß bergauf bis zum Leuchtturm von Cabo Finisterre. Vom Dorf aus
begleitet mich neben der Straße ein kleiner Hund bis zum Leuchtturm. Tja, das war heute meine "letzte Wanderung". Am "Ende der Welt"
habe ich ein paar Fotos gemacht und dann ging es wieder zurück ins Dorf. Außerdem rede ich mir ein, dass mir die dreitägige Wanderung von Santiago de Compostela nach Cabo Finisterre, hauptsächlich neben der Straße, sowieso nicht gefallen hätte. Auch hier habe ich wieder dazugelernt, denn eigentlich habe ich mir vom Cabo Finisterre mehr versprochen, ich habe es mir spektakulärer vorgestellt. Also, alles nehmen, wie es kommt, wenn möglich ohne Erwartungshaltung. Um 16 Uhr ging es mit dem Bus zurück, 18 Uhr in Santiago angekommen, 19.30 Uhr gegessen: Kalbskotelett, Fritten, Brot, Käse und ein Bier, 21.30 Uhr zurück ins Zimmer, mit meinen Liebsten telefoniert und zum letzten Mal meinen Rucksack gepackt. Jetzt freue ich mich
riesig auf mein geliebtes Zuhause ... ich bin verändert oder verwandelt ... |
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Freitag, 18.05.2007 (35. Tag) |
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Nach sehnlichem Warten, mit gemischten Gefühlen und Geduld ist es so weit. Gestern bin ich gegen 22 Uhr in freudiger Erwartung auf den heutigen Tag ins Bett gegangen. Trotz Samba-Ramba-Zamba bin ich relativ schnell eingeschlafen, und nach einem tiefen erholsamen Schlaf wurde ich um 8 Uhr von der lieben Sonne geweckt. Ich habe mich rasiert, geduscht und die letzten Sachen eingepackt. Gegen 9 Uhr war ich fertig. Nachdem ich meinen Rucksack im Hostal deponiert habe, bin ich noch einmal durch die menschenleeren Straßen und Gassen von Santiago gegangen. Ich habe noch einmal die Kathedrale besucht, dann gefrühstückt und nach einem letzten Einkaufsbummel meinen letzten Café con Leche im Café Casino getrunken. Heute ist noch einmal Geduld mein Thema, weil es erst 22.30 Uhr wird, ehe ich meine Liebsten wiedersehe. Momentan befinde ich mich auf dem Flug von Mallorca nach Düsseldorf. Wo ich gerade die langsam untergehende Sonne sehe, fällt mir ein, dass ich während meiner Wanderung keinen Sonnenuntergang erlebt habe. Und auch das wird mir jetzt noch geschenkt. Gegen 13 Uhr habe ich meinen Rucksack in der Pension abgeholt. Heute war er besonders schwer, aber ich brauche ihn mit diesem Gewicht ja keine 800 km zu tragen. Zu Fuß zur Bushaltestelle, dann mit dem Bus zum Busbahnhof und von dort aus zum Flughafen. Ich fühlte mich an meinen letzten Wandertag erinnert, als ich zu Fuß den Flughafen passierte. Pünktlich um 17.10 Uhr ging's los mit Air Berlin von Santiago nach Mallorca. Die Flugzeit war eine Stunde und zwanzig Minuten. Es ist schon interessant aus der Vogelperspektive innerhalb von einer Stunde noch einmal das zu sehen, wofür ich 32 Tage benötigt habe. Anfangs flog ich parallel zum Jakobsweg, sah Städte, Flüsse und Berge und dachte noch einmal zurück, als mein Weg am 14.04.2007 begann ... hmm ... und jetzt geht's heim. In Palma hatte ich eine Stunde Aufenthalt und der Weiterflug war pünktlich. Ich kann es kaum noch erwarten und danke noch einmal meinem geliebten Göttlichen Vater und den Mächten des Universums für die wunderschöne Zeit. Wow, ich schaue gerade
durch die Eisblumen an meinem Fenster, und da ist er: Es war einfach alles perfekt: Der Weg begann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang und nun endet er mit einem spektakulären Sonnenuntergang. Noch eine Stunde bis Düsseldorf ... aber was ist schon eine Stunde ... Geduld Micky ... Jaaaa ... geschafft! Um 22.30 Uhr bin ich in Düsseldorf gelandet. Von meinen Liebsten wurde ich erwartet mit einem Transparent: "Mike's Longest Way ... You Made It!" "When the going gets tough, the tough get going!" Sky war zunächst ein wenig skeptisch - aber dann kam er auf mich "zugeflogen". Schön, meine Liebsten wohlbehalten wieder zu sehn. Ich hoffe, dass das
auf dem Weg Gelernte noch lange tief in mir erhalten bleibt! |
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Wie auch andere Pilger hatte ich die Empfindung, dass dieser Weg für mich "gemacht" war. Danke für diese Erkenntnis. Ich habe gelernt, dass ich keinem Menschen etwas beweisen muss. Für die Zukunft
wünsche ich mir auch weiterhin: Ich bin froh und
dankbar, dass ich ganz erfüllt bin von Ich danke Euch ihr
Lieben für Euer Interesse Der HERR ist mein
Hirte. Mir wird nichts mangeln. |
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